17 Jul

Kleinstädter als frisch gebackene Grossstädter

Jeder fängt einmal klein an, heisst es so schön. Vielleicht wäre dieses Wort auszuweiten und dementsprechend zu sagen: Alles fängt klein an. Langsam aber stetig wachsen sie heran, manchmal rasanter, manchmal weniger rasant. Die Kleinen verzweifeln manchmal fast daran, noch nicht gross zu sein; die Grossen dagegen wären gerne mal wieder klein.

Wie schön war doch die Zeit, als die Höhe des Fenstersimses einem vorkam wie die Dufourspitze. Eine anstrengende Wanderschaft und ein letzter Klimmzug auf den Sims gehörten dazu. Vor allem aber auch die Belohnung, die sich im Füsse-baumeln-lassen manifestierte, lässt die Phantasie mit Erinnerungen gekoppelt in Höchstform kommen.

Mit ohrenbetäubendem Feuerwerk hat sich Winterthur befeiert oder fast schon befreit, nachdem die Stadt am 6. Juli um 16:30 Uhr in die Liga der Grossstädte übergetreten war. Schon lange hat sich Winterthur diesen Übertritt gewünscht: Endlich nicht mehr am Rockzipfel der Schwesterstadt Zürich hängen. Nicht mehr mit dem Gedanken aufwachen, dass das Schönste an Winterthur recht eigentlich die S-Bahn nach Zürich sei, sondern als eigenständiges, erwachsenes und eben grosses Kleinstädtchen wahrgenommen werden.

Dem prototypischen Grossstädter scheint die Erinnerung fast abhanden gekommen, wie sein Städtchen einst einmal ausgesehen. Keineswegs soll damit ein Mangel an Verständnis für Geschichtliches ans Licht gebracht werden, es ist doch völlig klar und normal, dass sich der Grossstädter nicht länger als er es musste als Kleinstädter ausgeben möchte. Der Realität soll man in die Augen blicken, denn über die Augen – so lehren uns die Romantiker – eröffnet sich der Blick ins Innere.

Wer will denn schon den Blick auf die Realität aufgeben, gerade in dem Moment, in dem sich das Wichtigste entwickelt, Wünsche sich erfüllen, vor langer Zeit gesteckte Ziele sich endlich erreichen lassen? Ein Schritt zurück zeigt, dass auch noch andere Augen zu sehen sind, dass auch noch andere Augen sehen. Der Grossstadtmensch ist in vielen Ausführungen lieferbar, Augenfarben kann man sogar noch auswählen.

Ganz beflissen lernt er, der frischgebackene Grossstädter, wie er den Geist einer Stadt dieser Grössenordnung einzuatmen, vor allem aber wieder auszuatmen habe. Er lernt, wie er vom einen Tag auf den anderen – so scheint es – in einer völlig neuen Stadt zu leben hat. So lernt er, wie er sich neuerdings beim Einkauf an die Kasse anstellen muss, dass er plötzlich länger zu warten hat, denn hunderttausend von ihm wollen auch bezahlen. Nicht, dass sie es inbrünstig wollten, aber als Bewohner einer grossen Stadt kann man eben nicht anders, die Aufgaben des Grossstadtmenschen eben.

So ganz im Duktus einer Grossstadt will er nichts mehr mit dem Kleinstädter zu tun haben, der er vor einem Tag noch war. Es zählt, was ist, nicht was war. Die Stadt ist erwachsen geworden, nicht mehr das verschlafene Industriestädtchen von vorgestern. Eine schöne Stadt, ganz gross am Horizont.

Und doch, man kann es so fast nicht glauben: Wie die Grossen manchmal gerne wieder klein wären, wollen Grossstädte manchmal gerne Kleinstädte sein. Wir wollen dabei zusehen und das Kleinstädtertum in Grossstädten in Wort und Bild an dieser Stelle im weltweiten Netz der Informationen dokumentieren.

Kommentar hinzufügen

Ihre Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder weitergegeben. Obligatorische Angaben*.

*
*